Auf dem Kopf Sep05

Auf dem Kopf

Georg Baselitz: Oda, 1970-1977, Foto Franz Kimmel, © Georg BaselitzWerke und Künstler im

DASMAXIMUM KunstGegenwart

 

Auf dem Kopf

 

Georg Baselitz ist mit drei Bildern aus unterschiedlichen Schaffensphasen und einer Skulptur in der Stiftung DASMAXIMUM KunstGegenwart vertreten.

„Ich meine, dass Museum nur zu verstehen ist als Aufbewahrungsort von Kunstwerken, in dem die Betrachtung derselben in einfacher, vollständiger, ungehinderter und unprätentiöser Weise möglich sein muss“, schreibt Baselitz 1979. Bereits mit diesem Satz zeigt sich die enge, gedankliche Verbindung zur Konzeption des im August eröffneten Museum DASMAXIMUM KunstGegenwart. Der legendäre New Yorker Kunstliebhaber Heiner Friedrich hat an seinem Heimatort Spitzenwerke internationaler zeitgenössischer Kunst zusammengeführt und ermöglicht uns ihre Betrachtung ungehindert und unprätentiös, ganz wie es sich Georg Baselitz von einem Ausstellunsgsort für seine Werke wünschte.

Mit unserer Reihe „Werke und Künstler im DASMAXIMUM KunstGegenwart“ werden wir Ihnen in den kommenden BIZZ! Ausgaben alle acht vertretenen Künstler vorstellen. Zugegebenermaßen ist die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst, die mit ihrem stilistischem Reichtum „die Regeln“ kunstgeschichtlicher Epochen auf den Kopf stellt, kein Leichtes. Was will der Künstler damit sagen? Warum macht er das? Fragen, die man nur mit offenem Blick auf das Leben und Werk der Künstler beantworten kann. So nähern wir uns einem deutschen Künstler, der auch mal den Pinsel zur Seite legt, um mit den Fingern Strukturen zu erschaffen. Sogar mit seinen Füßen hinterlässt er schon mal Spuren, wenn er barfuß über die riesigen Formate spaziert, um alle Bereiche gestalten zu können.

Georg Baselitz, mit eigentlichem Namen Hans-Georg Kern, geboren 1938 in Deutschbaselitz, begann 1956 an der Ostberliner Hochschule für bildende und angewandte Kunst zu studieren. Nach zwei Semestern wurde er mit der Begründung „gesellschaftlicher Unreife“ der DDR verwiesen. Baselitz siedelte nach Westberlin über und setzte dort an der Hochschule für bildende Künste bis 1964 sein Studium fort. Er prägte nachhaltig die Kunst der 60er. Bei seiner ersten Einzelausstellung im Jahre 1963 in der Galerie Werner und Katz in Berlin wurden die Bilder „Die große Nacht im Eimer“ (1962/63), das einen nackten Jungen nach dem Onanieren zeigt, und „Der nackte Mann“ (1962) von der Staatsanwaltschaft wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses konfisziert. Der anschließende Prozess endete erst 1965 mit der Rückgabe der Bilder. Der Maler und Bildhauer provozierte zu dieser Zeit nicht nur mit sexuellen Darstellungen, sondern auch mit seiner offenen Kritik an der zeitgenössischen Kunst und der Gesellschaft.

Immer auf der Suche nach einer neuen Methode der Darstellung, die den Betrachter überrascht, sogar irritiert, fängt Georg Baselitz Ende der 60er systematisch an, Motive umzudrehen. Eines seiner ersten umgedrehten Werke ist „Oda“ (1969, 1973/74 – Öl auf Leinwand/ DASMAXIMUM). Ein wunderbares Werk, das durch die Reduktion der Farbpalette und die grobe Malweise das Gefühl von Harmonie und Ruhe vermittelt. Baselitz scheint Recht zu behalten: ein fast unbeschreiblicher Eindruck prallt bei der ersten Konfrontation auf den Betrachter ein: Malweise, Farbwahl, Oberflächenstrukturen, Flächen, Linie – die Kraft der gestalterischen Mittel lässt das Motiv, das Gesicht nebensächlich erscheinen.

Die ersten umgekehrten Bilder, die Baselitz weltberühmt machen, werden 1970 in der Galerie Friedrich in München ausgestellt. Seither malt Baselitz ausschließlich „verkehrt herum“, wie auch die „Zwei vom Foto“ (2002, Öl auf Leinwand, DASMAXIMUM). Hier sorgt nicht nur die Umkehr des Bildinhaltes, sondern auch die runde Leinwand beim Betrachter für Verwirrung. Baselitz verweist uns so auf die Unabhängigkeit der Kunst von der herkömmlichen Wirklichkeit. Die Bilder sind von vornherein auf dem Kopf gemalt und haben damit ihr eigenes Gleichgewicht, das sie verlieren würden, würde man sie „richtig“ hängen.

Allen „Deutern“ seiner Kunst macht Baselitz selbst einen Strich durch die Rechnung. Er will nicht gedeutet und verglichen werden. „Das hat mit meinem Glauben zu tun, dass Malerei kein Spiegel für die Wirklichkeit ist. Neuerfindung der Wirklichkeit, und ein Bild umgekehrt zu malen, ist eines der besten Mittel, diesen Mythos zu zerstören.“ Zudem gibt er sich nicht der „nebulösen Willkür der Theorie der gegenstandslosen Malerei“, wie er es beschreibt, hin. In der Umkehr des Motivs findet er die Möglichkeit, sich mit malerischen Problemen auseinanderzusetzen, ohne sich vom Motiv gängeln zu lassen. Die Verkehrung wird somit selbst so bedeutend, dass sie als Beweggrund des Bildes erscheint. Dabei ist es Baselitz wichtiger ein „neues“ Bild zu machen, mit einer Präzision der Aussage, die keine freie Interpretation zulässt. Konzeption und Präzision wie auch Technik rücken damit in den Vordergrund seines Schaffens. Baselitz fotografiert zum Beispiel Motive, insbesondere Landschaften, um die genauen Details einzufangen, die bei zeichnerischen Studien unter Umständen verloren gehen würden. Ein Künstler, der Schicht für Schicht seine Bilder erarbeitet und diese zum Teil nach Jahren noch einmal überarbeitet, präzisiert und modernisiert: In seiner „Remix“-Phase gestaltet er frühere Werke um, trägt Schicht für Schicht wieder ab oder übermalt, um eben ein „Neues“ zu machen, auf eine bessere, zeitnähere und schärfere Art, aus seiner neuen Perspektive.

Wie vielseitig Baselitz als Künstler ist, zeigt sich an der Verwendung unterschiedlichster Materialien und Techniken, mit denen er experimentiert, arbeitet, seine Malerei immer wieder neu erfindet. Die unberechenbaren, sich wandelnden Wesenszüge seines Schaffens, zeichnen sich nicht nur in seinem bildnerischen Werk ab, sondern hinterlassen ihre Spur auch in seinen  Skulpturen. Neben überdimensionalen Ganzkörperfiguren gestaltet er vor allem Beine, Köpfe und Torsi. Vorwiegend mit Aggression bearbeitet Baselitz Ahorn, Lindenholz, Rotbuche oder Zedernholz. Die entgegen aller handwerklichen und künstlerischen Eleganz gesägten, geschnitzten und gestochenen Skulpturen wirken oft wie „Figuren voller Wunden“. Zur Ausformung seiner monumentalen Figuren, wie „Frau Ultramarin“ (2004, Zeder, Ölfarben, DASMAXIMUM), greift der Bildhauer zu Kettensäge, Beil und Stecheisen. Dabei geht es ihm zunächst jedoch nicht um eine konkrete Person, sondern um das Abbild seiner künstlerischen Ideen. Skulptur ist, so der Künstler, ein kürzerer Weg als die Malerei, um das gleiche Problem auszudrücken, weil Skulptur primitiver, brutaler und vorbehaltloser als Malerei ist.

 

Um moderne Kunst verstehen zu lernen, ist Georg Baselitz ein empfehlenswerter Einstieg: er will nämlich nicht verstanden werden – er will betrachtet werden. Und dazu haben Sie im DAS MAXIMUM die einmalige Gelegenheit. Die „Frau Ultramarin“ wird zwar demnächst an das weltberühmte Centre Pompidou in Paris ausgeliehen, aber die Ersatzskulptur Donna via Venezia (2004)wie die Gemälde lohnen einen Besuch. Einen authentischen, ungetrübten Einblick in das Leben und Schaffen eines der bedeutendsten deutschen Künstler, der bereits in namhaften Galerien weltweit, drei Mal auf der dokumenta und 1980 auf der Biennale Venedig vertreten war, gibt Ihnen darüber hinaus das vor kurzem erschienene Buch „Georg Baselitz. Gesammelte Schriften und Interviews“ von Detlev Gretenkort (Hirmer Verlag) mit einer Sammlung zahlreicher Interviews und Schriften mit und von Georg Baselitz.