EIN BISSCHEN ORFF … Mrz01

EIN BISSCHEN ORFF …

Ein bisschen Orff gibt es nicht

 

(von Henriette Matovina)

 

Als vor wenigen Tagen das Telefon läutete, wären wir in der BIZZ! Redaktion niemals auf den Gedanken gekommen, mit einem Beitrag zu Carl Orff, seiner Bedeutung für den Chiemgau und dem Orff´95 e. V. betraut zu werden. Eine Herausforderung sich eines Themas anzunehmen, das viele Menschen in der Region bewegt, jedem bekannt ist und doch nicht gut genug.

Viele kennen Carl Orffs Werk Carmina Burana, eines der populärsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Das Wirken des Komponisten als einer der einflussreichsten Musikpädagogen ist jedoch wenig in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit eingedrungen. „Kinder sollten durch die musikalische Erziehung zu sich selbst finden“, war die Auffassung von Carl Orff, der gemeinsam mit Gunild Keetmann das Orff-Schulwerk schuf und Anfang der 30-er Jahre veröffentlichte. Grundlage seiner Arbeit bildete die Idee, das musikalisch-rhythmische Gefühl aus der Bewegung heraus zu entwickeln. Ein musikalisch-pädagogisch einzigartiges  Konzept war geboren, das nach wie vor nicht an Aktualität verloren hat.

Im persönlichen Gespräch mit dem neuen Vorsitzenden des Vereins Orff´95, Hans-Bernhard Kesy, wird nicht nur die regionale Verwurzelung des Orffschen Gedankengutes deutlich, sondern auch die Problematik ihrer weiteren Fortführung im Chiemgau. Vor über 40 Jahren kam er als Schulleiter an die Carl Orff Schule nach Traunwalchen. „Ich hatte von Orff keine Ahnung. Ich wusste zwar, wer er war, aber was er bewegt hat gar nicht. Mit 36 Jahren habe ich Orff nicht nur als denjenigen kennengelernt, der Weltwerke wie „Carmina Burana“ oder „Die Kluge“ geschrieben hat, sondern erfuhr, dass seine Arbeit eine noch weitaus größere Bedeutung hat: die Heranführung der Kinder an das Orff-Instrumentarium von der ersten Klasse an, an den Zusammenhang von Rhythmus, Musik und Tanz. Kontinuierlich wurde hier die musikalische Erziehung aufgebaut. Einen großen Beitrag leisteten drei der sogenannten „Orffianer“, musikalisch begabte Lehrer mit Staatsexamen, die während einer de.

Sonderausbildung am Orff-Institut in Salzburg die Gelegenheit bekamen, Orff zu erleben. Denn zu Orff gehört auch sein gedankliches und durch Gunild Keetman ins Praktische umgesetzte breite Spektrum des Orff-Instrumentariums. Vom Glockenspiel bis zum Xylophon, Schlaghölzer und etliches mehr – alles erdacht, einfach zu sein, so dass Kinder damit hantieren können. „Alle Kinder unserer Schule haben eine erweiterte Musikerziehung genossen, Begabten wurden zusätzliche Stunden und Kurse ermöglicht. Und wir hatten einen tollen Chor.“ Doch noch wichtiger ist es, den Kindern eine Gemeinschaft zu vermitteln, in der man aufeinander hören muss. Stimmt der Ton? Ist der Rhythmus richtig? „Das miteinander Hören, miteinander Fühlen, Erkennen, wie die anderen musizieren und sich einfügen, ist wichtig. Es geht um die Einordnung in eine Gemeinschaft, die jeder in seinem Leben erfährt. Hier wird sie in Verbindung mit Musik gemacht. Das hat mich immer schon fasziniert“, hebt Hans-Bernhard Kesy vor.

Damit hatte der Orffsche Auftrag eine Breitenwirkung, die die heutigen Mitglieder von Orff´95 e.V. wieder erzielen möchten. Allen voran der Mitbegründer der Sing- und Musikschule Traunwalchen, Hans Lauber. War er es doch, der bei der drohenden Schließung der Volksschule Carl Orff als „Retter der Musikbewegung in der Schule“ nach Traunwalchen brachte. Die Schule, die seit 1978 den Namen des großen Komponisten trägt, blieb bestehen und Carl Orff wurde zum Traunwalchener Ehrenbürger, nach der Eingemeindung zum Traunreuter Ehrenbürger ernannt. Die jährliche Orff-Medaillen-Verleihung durch Liselotte Orff beweist, dass Carl Orff und sein Geist in der Orff-Begegnungs-, Spiel- und Gedenkstätte Pertenstein allgegenwärtig sind. Herr Kesy erinnert sich an einen der Höhepunkte in der Geschichte der Carl-Orff-Volkschule Traunwalchen. 1985 wurde in der Rundhalle von Schloss Pertenstein die „Carmina Burana“ aufgeführt, gefilmt und ausgestrahlt vom Bayerischen Fernsehen. Der Hallenboden war nicht betoniert, die Bierbänke standen auf Stroh, aber es entstand eine unvergessliche Orff-Atmosphäre, der bei den zwei Aufführungen, an denen 150 Kinder der Volksschule spielten, tanzten und musizierten, jeweils zweitausend Besucher beiwohnten.

„Diese Wurzelbewegung Orff hatte die Aufgabe, eine singende, klingende, tanzende Region ohne Profis, sondern eingebunden ins menschliche Miteinander entstehen zu lassen. Was auch verwirklicht wurde. Leider besteht die Orff-Schule nur noch aus vier Klassen“, äußert sich Herr Kesy enttäuscht. „Jeder hätte was tun können die Auflösung der Hauptschule zu verhindern, aber es ist nichts passiert“, bemerkt der ehemalige Leiter. Das damalige Schulmodell war bayernweit einmalig. Die Orff-Schule war auch Fortbildungsstätte für die bayerischen Lehrer und Lehrerinnen. Die Orffianische Erziehung muss man wirken lassen, weil Musik viel im Kopf bewirkt. Die Erziehung in den ersten vier Klassen ist für die, insbesondere menschliche, Prägung nicht ausreichend. Die Quintessenz ist, dass diejenigen, die dort gearbeitet haben, zwar viel Wurzelwerk geschaffen haben, „aber wir sterben aus“, bemerkt Herr Kesy. „Es ist unsere Aufgabe Menschen zu finden, die diese Idee weitertragen.“ Orff´95 e.V., gegründet 1995 nach einer Idee von Frau Orff, besteht aus mehreren Vereinen zusammengefasst. Dieser hat sich die Aufgabe gestellt, auch in Zukunft dem Erbe und Auftrag Orffs im Chiemgau gerecht zu werden.

Um das Orff Schulwerk in den Schulalltag und damit in die vertiefte musikalische Erziehung einzubringen, gehört das gesamte Orff Instrumentarium dazu. Das kostet Geld. Die Stadt Traunreut hat nie an der Ausstattung der Schulen gespart. „Zwar gibt es noch die Musikschule, aber es müssen Menschen gefunden werden, die für die Sache und vor Ort damit leben“, sagt Herr Kesy. Wenn heute in der Schule Musik gemacht wird, so ist das oft nur Reproduktion. Die natürliche Begabung der Kinder zu Rhythmus und Bewegung, Gesang und Instrument, die Lust selbst aktiv zu werden in der Gemeinschaft, gehen verloren. „Auch, wenn wenige ehemalige Schüler eine Musikkarriere anstreben, so wissen sie, was Musik bedeutet und tragen diesen Gedanken in ihre Familie. Unser Verein möchte mit denjenigen Kräften, die noch da sind, wieder in das Wurzelgestrüpp hineinstechen, dahin, wo etwas wachsen kann. Ich habe nicht vor, Profis für eine Aufführung zusammenzukaufen, sondern Menschen zu finden, die sich dafür begeistern und engagieren“, beschreibt Herr Kesy die Ziele des Vereins  Orff´95. Der hohe Anspruch der Vereinssatzung ist in der Realität nicht einfach umzusetzen und doch zeugt die Satzung von einem durchdachten Konzept, das nicht nur an der Oberfläche des Orffschen Schulwerks kratzt. Sie will örtliche Bildungseinrichtungen unterstützen, Musizierbereitschaft und Ausbildungswilligkeit fördern, Verbindungen erhalten und schaffen, Dokumentationen anfertigen und erhalten wie auch Feiern und Orff-Aufführungen initiieren, unterstützen und gestalten. Sie hat sich vorgenommen, den Orffschen Grundgedanken „Musik in die Familie, zu den Kindern zu bringen und damit ein gemeinsames Gefühl für das harmonische Miteinander zu schaffen“ nach Außen zu tragen, in welch mannigfaltiger  Form auch immer.

„Leider wurde die Carl-Orff Schule von den entscheidenden politischen Stellen nicht so unterstützt, dass man sie erhalten konnte. Zunehmend versandet diese Idee, aber „die Alten“, die damals gewirkt haben, suchen in dieser Region junge Menschen, die bereit sind, sich für diesen Auftrag einzusetzen. Wir wollen Kinder an die Musik heranführen, um starke, feste Persönlichkeiten für die Gesellschaft zu bilden. Was wäre hilfreich? Institutionen, Menschen, die sich mit unserer Idee identifizieren, die betreuen, sich Zeit nehmen oder aber auch finanzielle Unterstützung unter anderem in Form von Spenden. Mit welchen Projekten in der Zukunft die Verwirklichung geschehen kann, daran arbeiten wir gemeinsam mit denjenigen, die ähnlich gesinnt sind. Was und wie können wir es realisieren? Was ist das Ziel? Wer unterstützt uns? Ist nicht auch die Stadt gefordert, das Erbe Orffs zu verwirklichen? Sich einfach hinzustellen und zu sagen „Stadt Traunreut, die Stadt des großen Orff“ und nichts dafür zu tun ist zu billig. Eine Stadt, der es wirtschaftlich so gut geht und die alle Möglichkeiten hätte Vieles zu bewegen?“

Die Planungen zum Festabend „Orff in Memoriam“ anlässlich des 30. Todestages von Carl Orff im Zehentstadel auf Schloss Pertenstein am 29. März 2012 sind in vollem Gange. Diese und weitere Veranstaltungen sind der beste Beweis, wie viel Kraft und Engagement Orff´95 e.V. in die Verwirklichung seiner Ziele steckt. Ein bisschen Orff gibt es nicht. Man darf gespannt sein, aber auch gern tätig werden, was die Menschen, die Kinder der Region in der Zukunft erwartet. Mehr Bewegung. Mehr Musik. Mehr Gemeinschaft.