XX. Bayerisches Eck

bay FahneHinterfotzig

Was wir alle am Bairischen so lieben? Im Dialekt gibt es wunderbar bildhafte und ausdrucksstarke Begriffe, z.B. für menschliche Vorzüge… und vor allem für Abgründe. Diese Wörter sind so gut, dass sie sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden haben. Von einem besonders schönen Begriff dieser Art handelt das heutige Bairische Eck. Doch fangen wir von vorne an:

Kennen Sie das auch?
Sie begegnen jemandem zum ersten Mal und schon nach 250 Millisekunden (länger braucht man dafür nämlich nicht, habe ich mir sagen lassen) schrillen bei Ihnen sämtliche Alarmglocken. Gleichzeitig flüstert Ihnen Ihre Intuition unmissverständlich zu: „Obacht, dem kannst ned traun!“ Doch was sagt im Gegensatz dazu Ihr Kopf? „Heeeee, des sand ejtz ganz bleeede und unfaire Vorurteile! Jeda Mensch hod a Chance vodeant und a zwoate und a dritte, wenn’s sa muas (siehe Bairisches Eck vom Januar). Und wia soi scho da erste Eindruck de Komplexität vo ana ganzn Persönlichkeit erfassn? Des geht doch goar ned!“

Damit nimmt die Geschichte dann ihren Lauf… Denn vordergründig wahnsinnig nett, aufmerksam, zuvorkommend und charmant, bringen Sie solche Bekannte dazu, sich für Ihren ersten Eindruck glatt zu schämen. Und im Folgenden übersehen Sie wahrscheinlich deshalb viel zu leicht, dass es hinter der vermeintlich blank polierten Fassade ganz anders aussieht.

Das Bairische kennt für solche Charaktereigenschaften, die ich hier meine, ein wunderbares Wort: Hinterfotzig! Dieser Begriff hat es sogar zu einem Eintrag in Wikipedia gebracht. Dort steht: „Wird eine Person als hinterfotzig bezeichnet, ist damit gemeint, dass sie nicht ehrlich gegenüber anderen ist, sondern hinter deren Rücken schlecht redet, lästert und intrigiert.“ Hinterhältig, heimtückisch, doppelzüngig könnte man auch sagen, und für alle, die’s literarisch mögen: Irgendwie ein wenig wie der Fall von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“.

Die gute Nachricht: Selbst wenn es manchmal etwas länger dauert, bis man den Beweis für die fassungslose Hinterfotzigkeit von so mancher Person geliefert bekommt, irgendwann fliegt’s immer auf. Hin und wieder spielen einem auch der Zufall, respektive das Glück recht aufschlussreiche Informationen in die Hände. Denn zu einer hinterfotzigen Persönlichkeit gehört oft auch eine gute Portion Überheblichkeit – und die lässt stolpern. Und so kann man ab einem gewissen Moment einfach nicht mehr übersehen, dass der erste 250-Millisekunden-Eindruck vor allem eins war: Genau richtig. Vielleicht sogar noch viel zu gut. Aber trösten Sie sich: Wenigstens haben dann die Mitleidstour („oarm, missverstandn und vom Schicksal noch olen Regeln der Kunst gebeutelt“) und andere Manipulationsversuche ein Ende.

Und nun? Naja, wenn’s eana aa irgendwann wieda amoi so gehen soi, dann mochan’s bittschön des Gleiche wia i bei meim letzten derartigen Fall: Laut locha! Und se sejba auf d’ Schuita klopfa. Dafür, dass ma’s eigentlich vo Anfang an gwusst hod. Erfreuen Sie sich bei dieser Gelegenheit auch daran, dass es im Bairischen so ausdrucksstarke Wörter dafür gibt. Oder schreiben Sie einfach eine Geschichte. So eine wie diese hier zum Beispiel. Ohne Namen, ohne Details. Zeigen Sie damit verbal und vor allem auf eine elegante Art und Weise, was Sie von solchen Hinterfotzigkeiten halten. Und dann schließen Sie dieses Kapitel – mit einem Lächeln und einem leisen „Servus“ auf den Lippen und ziehen Sie einfach weiter. Ohne Drama, ohne Erklärung.

Sie meinen, das wäre dann aber auch ein ganz kleines bisschen hinterfotzig? Hm…
Moralisch richtig oder falsch – keine Ahnung … ich würde sagen, einfach nur menschlich.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre Dialektwächterin
Isabella Guttenstein

Und dann schließen Sie dieses Kapitel – mit einem Lächeln und einem leisen „Servus“ auf den Lippen und ziehen Sie einfach weiter. 

Quellennachweis:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hinterfotzig