XXIII. Bayerisches Eck

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Potschamperl

Potschamperl!

 

Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber nur so aus Interesse: Haben Sie eigentlich noch ein Potschamperl zu Hause? Sie müssen natürlich nicht antworten, wenn Sie nicht möchten. So ein Potschamperl ist ja nicht unbedingt etwas, das man jedem zeigt, von dem jeder wissen sollte und über das man gerne spricht. Ich verstehe das schon. Es sei denn, es ist ein recht altes Potschamperl. Dann zeigt man es vielleicht schon gerne her. Denn das hat schließlich Altertumswert. Natürlich ohne Inhalt.

Keine Sorge, ich komme nun nicht bei Ihnen vorbei und schaue unter Ihr Bett. So „lescher“ bin ich ja dann doch wieder nicht. Aber wenn’s „pressiert“, dann wär’s manchmal schon praktisch, dieses Potschamperl, finden Sie nicht auch? Doch wie gesagt: Ich weiß schon, über diese Dinge spricht man nicht öffentlich. Das könnte ja schließlich eine saubere „Blamasch“ werden. Und das wollen wir nicht. Das Bairische Eck ist schließlich eine seriöse Kolumne.

Und deshalb lenken wir unsere Aufmerksamkeit nun wieder auf die seriösen Dinge des Lebens – etwa auf den außerordentlichen, unersetzlichen und nicht zu übertreffenden Wert bairischer Sprachkenntnisse im Ausland. Nehmen wir dieses Mal zum Beispiel…. Frankreich. Ja, das ist ein gutes Beispiel. Warum? Weil in unseren Lieblingsdialekt während seiner langen Sprachgeschichte viele Wörter französischer Herkunft Eingang gefunden haben. Nicht nur das „Potschamperl“.

Wie kam’s? Nun ja, vor allem zu Zeiten des Absolutismus und des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. (1638-1715), als Französisch als die Hofsprache vor allem in gebildeten Kreisen „en vogue“ wurde, wurden französische Wörter in unsere Sprache übernommen. Und spätestens in der Ära Napoleons (1769-1821) beeinflusste die französische Sprache über die großbürgerliche und städtische Gesellschaft hinaus z.B. durch Soldaten und Händler den sprachlichen Alltag bis hinein in die Dörfer. Durch diese Einflüsse fanden französische Begriffe Aufnahme in unsere Sprache, wo sie teilweise bis heute erhalten und gebräuchlich sind. Bekannte Beispiele sind etwa „Trottoir“ (frz. für Gehsteig) oder Parasol (für Schirm, frz. Sonnenschirm). Und auch das genannte „lescher“ (frz. légère – locker, ungezwungen) oder blamieren (frz. blâmer – tadeln, verurteilen) gehören in diesen Zusammenhang. Das Wort „pressieren“ im Sinne von „eilig“ haben wir ebenfalls französischem Einfluss zu verdanken, wenn auch nicht allein (frz. „presser“ von lat. „pressare“).

Hier ergibt sich somit im Prinzip sogar ein mehrfacher sprachlicher Nutzen, ein Effekt, der übrigens aufgrund des hohen Einflusses des Lateinischen auf viele Sprachen häufiger zu beobachten ist. Doch um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Mit Ihren bairischen Sprachkenntnissen sind Sie bestens gerüstet für einen Frankreich-Urlaub. So „vis-à-vis“ eines Franzosen haben Sie nämlich schon aufgrund Ihrer Muttersprache ein paar Vorteile, selbst wenn Sie ansonsten des Französischen nicht mächtig sind. Seien Sie aber vorsichtig, dass es nicht zu schwerwiegenden Missverständnissen kommt, denn manche Begriffe erfuhren in unserer Sprache einen Bedeutungswandel.
Wenn Ihnen zum Beispiel in Frankreich jemand einen Satz entgegen ruft und Sie nur das Wort „Bagasch“ verstehen, müssen Sie nicht gleich beleidigt sein. Denn während damit hierzulande zwielichtige Leute (kurz: „Gesindel“) bezeichnet werden, bedeutet „les bagages“ im Französischen „Gepäck“. Der Franzose will Sie also damit nicht „tratzen“ (frz. tracasser – quälen, ärgern), sondern Ihnen wahrscheinlich nur ihre Koffer abnehmen. Es besteht somit gar kein Grund für ein „Sakradi!“ (frz. sacré Dieu – auch hier ein Fluch), sondern ganz im Gegenteil für ein „Merce“ (frz. merci – danke). Und wenn Sie etwas von einer „Schäsn“ hören, so sollten Sie auch das auf keinen Fall als Schimpfe auffassen, selbst wenn man „oide Schäsn“ im Bairischen als abfällige Bezeichnung für eine aufgetakelte alte Frau kennt. Sie sollten sich stattdessen bewusst machen, dass „chaise“ im Französischen ein Stuhl ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die nächste Reise ins Französisch sprechende Ausland kann kommen! Gut, ein kleiner richtiger Sprachkurs zuvor kann trotzdem nicht schaden. Vielleicht entdecken Sie ja dabei noch mehr französischstämmige Wörter in Ihrem Dialekt!

Herzliche Grüße und „merce“ für’s Lesen des Bairischen Ecks!

Ihre Dialektwächterin
Isabella Guttenstein

P.S.: Sie wissen es wahrscheinlich längst, aber der Vollständigkeit halber: Potschamperl kommt vom französischen Ausdruck „pot de chambre“ und bedeutet Nachttopf.

Literatur: Zehetner, Ludwig: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern. Regensburg 2005.

Kratzer, Hans: Napoleon, der alte Lackl! In: Süddeutsche Zeitung, 23. Januar 2013.