XXVI. Bayerisches Eck

bay FahneA so hoid!

 

Ich kann mich noch gut erinnern, was mich schon als Kind garantiert zur Weißglut gebracht hat: Wenn mir etwas – und noch dazu scheinbar ohne triftigen Grund – verboten wurde. Als wissbegieriges, an der Mehrung der eigenen Intelligenz höchst interessiertes Mädel wollte ich nämlich immer eine handfeste Begründung für sämtliche Einschränkungen meiner persönlichen Freiheit, meiner Entwicklung und freien Entfaltung haben. Leider fiel die Antwort seitens meiner Erziehungsberechtigten nur selten zu meiner Zufriedenheit aus. Weshalb ich meistens so lange nachgefragt habe, bis drei fatale Worte kamen: „A so hoid!“ Mit einem ganz dicken Ausrufezeichen dahinter. Mit einem “Und wehe, Du frogst jetzt no weida, dann staubt’s“-Ausrufezeichen. Gemein, sage ich Ihnen.

 

Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass man etwas um’s Verrecken nicht darf. Nein, man weiß nicht einmal so richtig, warum. Das hartnäckige Nachfragen habe ich mir übrigens von meinem älteren Bruder abgeschaut. Ihm war die Begabung sprichwörtlich in die Wiege gelegt worden, dass er – praktisch ab dem Zeitpunkt, als er ganze Sätze bilden konnte – seiner gesamte Umwelt und vor allem unseren Eltern faktisch Löcher in den Bauch gefragt hat und mit seiner Fragerei fast schon terrorisierte. Und das Ganze galt natürlich erst recht, wenn ihm etwas verboten werden sollte. Er fragte nach, immer, aus Wissbegierde und – ja – erst recht aus Trotz. Mit dieser Masche hat er übrigens so manchen Sieg davon getragen. Habe ich mir zumindest eingebildet und wollte daher gleichziehen. Allerdings hat bei mir diese Masche nur selten funktioniert und das „Nein“ dann wirklich in ein „Ja“ verwandelt. Ein paar Mal vielleicht. Ich weiß bis heute nicht genau, warum meine Erfolgsquote so viel niedriger ausfiel. Wahrscheinlich „a so hoid“.

Alles Schnee von gestern, verziehen und vergessen. Meinte ich. Kürzlich im Baumarkt wurde ich eines Besseren belehrt. Ich war gerade in wichtiger Mission beim Laien-Handwerker-Ausstatter meines Vertrauens unterwegs und nach stundenlanger Suche nach dem richtigen Pinsel für mein Wohnungsverschönerungsprojekt sowie zigmaligem Betatschen der verschiedenen Ausführungen habe ich es dann doch gewagt: Ich habe gefragt. Habe mich also von einem Mitarbeiter beraten lassen. Mache ich eigentlich total ungern. Denn diese wichtigen Entscheidungen des Lebens treffe ich am liebsten allein. Aber manchmal muss es halt sein. Jedenfalls, als ich von dem scheinbar kompetenten Herrn dann wissen wollte, warum ich ausgerechnet den kaufen soll, der doppelt so viel kostet, wenn’s auch einen um das halbe Geld gibt, ist’s passiert. Die Diskussion endete so: „Warum soi i den nemma?“ „Weil er bessa is.“ „Warum?“ „A so hoid.“ Aha. In solchen Situationen bleiben ohnehin nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wackelt mit dem teureren (wenn man sich geschlagen gibt) oder mit dem billigeren (aus Trotz) Exemplar zur Kasse und stellt zu Hause fest, dass es wahrscheinlich sowieso egal ist. Blöd nur, wenn das Spiel in den eigenen vier Wänden weitergeht. Dann müssen sie nämlich vielleicht dem Mann ihres Herzens erklären, warum sie genau diesen Pinsel gekauft haben. „Weil mir der empfohlen worn is.“ „Warum?“ „Weil’s der Beste sein soll.“ „Und warum?“ „A so hoid!“

So schnell kann’s gehen. Schon hat man die einst so verhassten Floskeln und Aussprüche verinnerlicht und gibt sie selbst zum Besten. Bled glaffa. Noch verständlicher wird es wahrscheinlich, wenn man Kinder hat. Ich kann mir schon vorstellen, dass man nach der zigtausendsten Frage des Nachwuchses irgendwann einfach mal sagt: „A so hoid!“

Aber das Wichtigste ist: Lassen Sie sich einfach nicht ärgern! Nicht grundlos und schon gar nicht zur Weißglut. Das Leben ist schön! Manchmal auch ohne konkreten Anlass. Einfach nur so.

Herzliche Griaß
Eahna Dialektwächterin
Isabella Guttenstein